unsere Unternehmen in China profitieren von der Innovationskraft vor Ort. Wir müssen nur darauf achten, dass der Innovations- und Wissensaustausch beiderseitig vorteilhaft und transparent bleibt und geistiges Eigentum geschützt wird. Wechseln wir von China thematisch zu den USA: Wie wirkt sich die aktuelle US-Handelspolitik auf deutsche Exporteure aus? Die aktuelle US-Handelspolitik setzt deutsche Exporteure erheblich unter Druck. Seit April 2025 verzeichnen wir pro Monat rund eine Milliarde Euro weniger deutsche Exporte in die USA, insbesondere aufgrund der Zollpolitik. Der jüngste EU-USA-Deal ist aus Sicht der meisten Unternehmen unzureichend und kann nur ein erster Schritt sein. Besonders belastend sind weiterhin die Stahl- und Aluminiumzölle auf verarbeitete Produkte. Hier führt die rechtliche Unsicherheit im Zollverfahren zu erheblichen Problemen. Der bürokratische Aufwand ist enorm – selbst für einfache Produkte wie eine Stahlschraube. Hinzu kommt eine hohe handelspolitische Unsicherheit: Sektorale Zoll-Untersuchungen laufen weiter, Gerichtsverfahren und Abstimmungen im EU-Parlament stehen noch aus. Das sorgt für Zurückhaltung bei Investitionen. Wie sollte Deutschland seine eigene Offenheit strategischer managen, ohne in Protektionismus zu verfallen? Jeder vierte deutsche Job hängt am Export, in der Industrie sogar jeder zweite. Der weltweite Einsatz der Bundesregierung für offenen und regelbasierten Handel bleibt für die deutsche Wirtschaft unerlässlich. Dazu gehört auch, dass die EU sich nicht abschottet. Gleichzeitig gilt es, sich an das New Normal im Außenhandel anzupassen: Es kommt zunehmend vor, dass unsere beiden wichtigsten Handelspartner sich nicht an vereinbarte Regeln halten und sogar wirtschaftliche Erpressung gegenüber Europa betreiben. Daher hat der Abbau strategischer Abhängigkeiten höchste Priorität, um Europa souveräner aufzustellen. Verschiebungen in den Märkten: Wenn sich die USA teils zurückziehen – wo entstehen Chancen für die EU und deutsche Unternehmen? Der zunehmende US-Protektionismus widerspricht dem regelbasierten Welthandel. Die EU reagiert mit einer aktiven Handelspolitik und sucht neue Freihandelspartner – etwa in Südostasien, Indien oder den MercosurStaaten. Diese Märkte bieten Wachstumspotenzial und können Abhängigkeiten reduzieren. Darüber hinaus entstehen Chancen in Afrika, wo die Nachfrage nach Infrastruktur, Maschinenbau und grünen Technologien stark wächst. US‑Industriepolitik und „Buy American“: Wie positionieren sich deutsche Unternehmen, wenn die USA ihre Industrie fördern und öffentliche Aufträge stärker lokal ausrichten? Die „Buy American“-Regelungen sind seit Langem ein Hemmnis für deutsche Unternehmen vor Ort. In unserem aktuellen AHK World Business Outlook nennt dies jedes fünfte deutsche Unternehmen in den USA als Problemfaktor. Trotzdem setzen deutsche Unternehmen zunehmend auf das Prinzip „lokal für lokal“: Produktion und Wertschöpfung vor Ort, um Zugang zu Märkten und öffentlichen Aufträgen zu sichern. Das verändert aber auch Wertschöpfungsketten – mehr Investitionen in US-Standorte und weniger Exporte aus Europa. Für Europa und Deutschland heißt das: Wir müssen unsere Wettbewerbsfähigkeit stärken, um im globalen Standortwettbewerb mitzuhalten. Gleichzeitig sollten wir die Chancen nutzen, die sich aus der US-Industriepolitik ergeben – etwa Kooperationen im Bereich grüner Technologien, Wasserstoff und Digitalisierung, wo deutsche Unternehmen führend sind. Welche pragmatischen Schritte empfehlen Sie Mittelständlern, um Abhängigkeiten zu senken und Wachstum zu sichern? Nach der Pandemie haben kleine und mittlere Unternehmen bereits einiges unternommen, um Abhängigkeiten zu senken. Viele stellen ihre Zuliefernetzwerke breiter auf oder bauen ihre Lager aus, um kurzfristige Ausfälle zu kompensieren. Gleichzeitig sind höhere Lagerbestände auch mit Kosten verbunden. Hier sollte die EU die Unternehmen durch steuerliche Anreize oder Erleichterungen unterstützen, statt auf eine staatliche Bevorratung bei den kritischen Produkten zu setzen. Unser Netzwerk der Außenhandelskammern (AHKs) unterstützt deutsche Unternehmen dabei, neue Märkte und Partner zu erschließen. Der Diverification-Desk der AHK Greater China beispielsweise berät deutsche Unternehmen dabei, seine Abhängigkeiten durch China+1 Modellen zu mindern. Mit welchen Ländern sollte die EU jetzt handelspolitisch stärker zusammenarbeiten? Die EU hat endlich den Handelspolitik-Turbo eingelegt. Jetzt gilt es Nägel mit Köpfen zu machen: Viele Unternehmen hoffen deshalb, dass das Mercosur-Abkommen nun rasch angewendet werden kann; nach Abschluss der Verhandlungen mit Indien und Indonesien müssen diese Abkommen, aber auch jene mit Mexiko und der Schweiz, rasch ratifiziert werden. Auch Abkommen mit Thailand, Malaysia, den Philippinen, dem Vereinigten Königreich, Australien und den Vereinigten Arabischen Emiraten sollten zügig abgeschlossen werden. Zudem sollte die EU sich auf Nachbarländer und auf eine engere Zusammenarbeit mit der Transpazifischen Partnerschaft (CPTPP) fokussieren. Melanie Vogelbach (DIHK) ist überzeugt, dass deutsche und europäische Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken müssen, um im globalen Standortwettbewerb mitzuhalten. Das Netzwerk der Außenhandelskammern (AHKs) unterstützt dabei. Bilder: Pixabay; DIHK Werner Schuering International 35 Wirtschaftskompass 03 | 04 | 2026
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